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Mit dem Dokumentarfilm Hinter die Welt geling Regisseur Oliver Schwabe ein Blick in die Welt und auf das Phänomen Tokio Hotel.
In der Lecture Beuys will be Beuys, im Rahmen des Kölner Filmfestivals, spricht Bill Kaulitz im Gespräch mit Moderator Steve Blame und Regisseur Oliver Schwabe über Ängste, die er heute mit sich trägt, Selbstbewusstsein und er resümiert die Entstehungsgeschichte und Charakteristik von Tokio Hotel.

17 Jahre ist es her, dass Tokio Hotel sich gegründet haben, seit 12 Jahren stehen sie in der Öffentlichkeit. Dass sich seitdem unter den Mitgliedern der Band nichts geändert hat, erfährt man von Bill Kaulitz, als er erzählt wie er und sein Zwillingsbruder Tom sich entschlossen haben, die Band zu komplettieren: „[wir] haben einen Basser und Schlagzeuger gesucht, die quasi die Sachen spielen, die wir uns ausgedacht haben.“
Auch heute sieht der Arbeitsprozess noch genauso aus, wie man im Dokumentarfilm erfährt: Tom macht die Produktion und schreibt zusammen mit Bill die Songs. Bill übernimmt die visuellen Parts, wie das Lichtdesign, Kostüme und Videokonzepte, während Georg für das Planen von Liveveranstaltungen, das Booking und die Finanzen der Band zuständig ist.

„Georg konnte überhaupt kein Bass spielen.“

Dass die endgültige Entscheidung damals auf Schlagzeuger Gustav Schäfer und Bassist Georg Listing fiel, verdankt man nur der Tatsache, dass es in Magdeburg schlichtweg nicht viele Menschen gibt: „Da gab es nur die beiden.“
Kein Hindernis war es für die Zwillinge, dass Georg zu diesem Zeitpunkt erst seit sechs Monaten Bass spielte: „Georg konnte überhaupt kein Bass spielen. Wir waren alle schlecht natürlich. Aber Georg… der hat da gerade angefangen. Der hat sechs Monate Bass gespielt. Der konnte noch nicht viel.“.

Schlagzeuger Gustav Schäfer musste sich im Gegensatz zu Georg erst einmal beweisen: „Gustav hatten wir wie bei so einem Casting. Der durfte uns was vorspielen und Tom und ich waren im Proberaum und er hat uns dann ne Phil Collins Nummer gespielt und dann kam er in die Band. So hat das irgendwie angefangen.“.

Bill Kaulitz: „Gustav spielt gerne Drums, aber am liebsten hätte er so ne Wand vor sich, dass ihn keiner sieht.“

Dass es für Bill und Tom Kaulitz mit elf Jahren schon keine andere Option als die Musik gab, daran erinnert Bill sich noch heute: „Für Tom und mich war es immer wahnsinnig ernst. Georg hatte damals noch ganz viele andere Hobbys. Der hat noch Handball gespielt nebenbei. Tom und ich wussten aber: ne das wird unser Leben sein. Ich glaube für die anderen beiden war es toll, als das passiert ist und die haben das so hingenommen. Aber für Tom und mich war das ein ganz klarer Plan schon seitdem wir ganz klein waren. Dass wir nichts anderes machen wollen als das.“

Den einzigen Unterschied den Bill Kaulitz von damals zu heute zieht, ist die Unbeschwertheit, die er im Alter von 13 Jahren besaß: „Ich weiß noch damals, als wir aufgetreten sind, dachte ich nur: ok, Mikrofon her, Bühne her. Ich will da raus.“ Wo sein Selbstbewusstsein herkam sich auf eine Bühne zu stellen und sich so zu kleiden und schminken, wie er es wollte, weiß er heute selber nicht mehr: „Keine Ahnung. Ich glaube das war auch ganz viel die Dynamik mit Tom einfach. Dadurch, dass wir zusammen waren. Ich wusste wir sind immer zu zweit.“

„Einfach rauszugehen und kein Schwanz dreht sich nach dir um. Das ist das allerschönste.“

Heute sieht Kaulitz sein Leben, wie im Kontrastprogramm, mit einem großen Rucksack auf dem Rücken, vollgepackt mit Ängsten und Erfahrungen, die er seit dem Zeitpunkt der Bandgründung gesammelt hat. Dabei versucht er jeden Tag daran anzusetzen, damit zu arbeiten und sich ein Stück weit Unbeschwertheit zurückzuholen: „Darum diese Leichtigkeit so zurück zu dem zu gehen, wie man eigentlich angefangen hat, das ist immer das, was wir uns als Aufgabe machen jeden Tag. Wir wollen immer eher wieder zu dem zurück. Sozusagen weg von dem ganzen Musikindustrie-Gedöns. Irgendwann wenn das zu anstrengend und zu schwierig wird, dann wird man halt nicht mehr kreativ und nicht mehr gut genug in der Essenz, was man eigentlich machen will.“

Frei machen davon, kann Kaulitz sich, wenn er nach einer Tour wieder nach Hause nach Los Angeles kommt: „Dahin zurückzufliegen und dann einfach rauszugehen und kein Schwanz dreht sich nach dir um. Das ist das allerschönste.“
Dass das nicht immer so war und Bill Kaulitz nach dem abrupten Umzug 2010 nach Los Angeles erst einmal lernen musste einen Alltag zu leben, erfährt man, wenn Bill erzählt, worüber sich seine Freunde aus LA heute noch amüsieren: „Meine Freunde da machen sich immer lustig, weil ich weiß noch die ersten Male als ich da weggegangen bin, hatte ich trotzdem immer ein Security dabei und immer einen Fahrer. Ich habe eigentlich das gleiche Leben, was ich in Deutschland gehabt habe, da so ein bisschen einfach rüber geholt, weil ich das auch garnicht anders kannte.“

„Die Leute denken: ah ist ja irgendwie spannend. Die will mit Mädels und mit Jungs und mit irgendwas dazwischen sogar auch.“

 

Bill Kaulitz von Tokio Hotel im Gespräch mit Oliver Schwabe über den Film Hinter die Welt bei dem Kölner Filmfestival ffcgn

Besonders interessiert waren einige Besucher der Lecture daran, wie Kaulitz, der selber Künstler ist, Homosexualität in der heutigen Musikszene sieht: „Ich glaube, dass es heute einfach ganz anders ist. Wenn man Miley Cyrus anguckt, die irgendwie sagt sie kann sich alles vorstellen und mit jedem zu schlafen. Heute ist das irgendwie auch sexy und die Leute denken: ah ist ja irgendwie spannend. Die will mit Mädels und mit Jungs und mit irgendwas dazwischen sogar auch. Darum ich glaube heute ist es eher so, dass viele da ne Karriere machen. Die Schwule Zielgruppe ist ja auch wahnsinnig wichtig und wahnsinnig groß. Auch Gaga oder Katy Perry, die eine wahnsinnig große schwule Zielgruppe haben. Für die ist das von Anfang an wichtig pro-gay zu sein und die packen das ganz anders raus. So die ganz klassischen Boygroups gibt es ja heute auch nicht mehr. Ich glaube schon dieser Druck ist heute nicht mehr so da. Also ich empfinde das jedenfalls nicht mehr so.“

Mit der Thematik der immer wiederaufkehrenden Frage nach der eigenen Sexualität durch die Medien, musste sich Bill Kaulitz schon im Alter von 15 Jahren auseinandersetzen: „Also in Deutschland ist es immer noch eine Frage und die Leute fragen sich ok, mit wem geht der heute Abend ins Bett? Mit wem schläft der? mit wem geht er nach Hause? in wen verliebt er sich?“ Und das war ja immer so ne Sache, die ich nie ausführlich beantwortet habe. Ich habe das Gefühl ich gebe ganz viele Antworten, auch in meinen Songs. Aber das ist immer noch eine Sache, die die Leute wahnsinnig macht. Heute ist es aber natürlich so, dass ein Outing heute auch nicht mehr so spannend ist, weil das ja irgendwie jeder heutzutage macht. Aber die Frage ist trotzdem bei den Leuten immer noch da. Ich glaube das macht immer noch Leute wahnsinnig nicht zu wissen wer heute Abend bei mir im Bett schläft und das liebe ich.“

Für einige Lacher unter den Besuchern der Lecture sorge Moderator Steve Blade, als er Tom Kaulitz aus dem Film, hinsichtlich seiner Einstellung zu Beziehungen, zitierte: „All das, was ein Mensch in einer Beziehung sucht, was die Partnerschaft zumindest angeht, das haben Bill und ich ja komplett mit uns gegenseitig. Das heißt ich brauche ja eigentlich nur noch jemanden für den sexuellen Part. Das findet man irgendwie immer.“ und bei Bill nachfragte, ob das gesund sei, worauf dieser auch keine wirkliche Antwort hatte, dafür aber von dem Band, was die beiden als Zwillinge verbindet, erzählte: „Das müssen dann andere beurteilen. Das weiß ich nicht. Wir fragen uns das manchmal auch. Wir sind eigentlich ja so wie eine Person. Wir kriegen uns auch oft garnicht so mit. Wenn wir zusammen alleine sind, sind wir gemeinsam einsam. Es ist nie so, dass einer den anderen irgendwie abfedert oder so. Wenn wir deprimiert sind, sind wir beide traurig oder wenn es uns gut geht. Also es ist immer alles sehr zusammen. Dadurch ist es natürlich schwierig für ne Partnerschaft dann außerhalb davon. Gerade Tom. Ich bin ein bisschen so, wenn ich verliebt bin, bin auch mal von heute auf morgen weg und kann auch mal so mein eigenes Ding machen.“

„Kann das nicht ein anderer machen? Ne, das macht Tom! Und das hat mich total beeindruckt.“

Ein schönes Schlusswort über die Band fand Regisseur Oliver Schwabe, als er erzählte, was ihn in der Arbeit mit Tokio Hotel besonders beeindruckte: „Das sind ja Kontrollfreaks, was ja interessant ist. Es ist so, dass Tom zwischendurch aus der Garderobe geholt wird, um zu sagen wie weit das Absperrgitter entfernt sein muss. Kann das nicht ein anderer machen? Ne, das macht Tom! Und das hat mich total beeindruckt. Und das dann ja auch über Monate hinweg.“

 

Teil 1: Bill Kaulitz: „Jetzt hatten wir auch mal die Möglichkeit unsere Geschichte wirklich ausführlich zu erzählen“

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2 Comments

Bill Kaulitz: Ich gebe ganz viele Antworten in meinen Songs. Aber das ist eine Sache, die die Leute wahnsinnig macht.

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